Kolumne: Poisoned Letters von Andus (1)


POISONED LETTERS von ANDUS (1):

Juristen sind hip. Bis auf die Strafrechtler. Andus ist einer. Er weiß, wie die Welt wirklich ist. Die Aktenlage ist hart. Um da wieder runterzukommen, frisst er sich durch Berge von Kriminalliteratur. Je abstruser und hirnrissiger, desto entspannter die Lektüre. Und am Wochenende geht’s weiter von U nach E und wieder nach U. Denn wie die Hälfte seiner Zunft (die andere rast im Cabrio und stürmt Gipfel) ist Andus ein Kulturgänger und Genussmensch. Er liebt Mahler, jedenfalls neuerdings, und rennt unentwegt ins Theater (noch lieber natürlich in die Oper, weil’s Krach macht, die Dekolletés prickelnder sind und der Champagner runder), er guckt Kunst, Kino und Krimis, er kocht, trinkt lieber Wein als Bier und hört Stimmen im Radio. Außerdem hat Andus eine Vision. Deshalb schreibt er Briefe. Exklusiv fürs CrimeMag. Regelmäßig unregelmäßig. Ab heute.

Liebe Felicitas,

nachdem von Schirach neben Schlink auf dem Literatenthron Platz genommen hat, während Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen sich medial übers Strafrecht duellieren, muss es auch ein Plätzchen für mich geben. Nie war das Recht so sexy – und wann hatte Jura nach Göte je wieder diesen poetischen Mehrwert? Aber kriegst Du das überhaupt mit? Das Ganze hat ein besorgniserregendes Verfallsdatum, und möglicherweise graben uns schon bald wieder die Frauenärzte à la Gottfried Benn das Wasser ab. Wir müssen handeln und das Strafrecht mitsamt seiner trivialliterarischen Abgründe definitiv feuilletonfähig machen. Und wer könnte das besser als Du? Aber leider liest Du ja keine Kriminalromane. Deshalb habe ich mich entschlossen, nicht nur wie ein Besessener weiterzulesen, sondern Dir – fachfremd und ahnungslos, das sollte ich doch auch können – davon zu schreiben. Weißt Du, wenn ich, geistig besoffen von nächtelangem Aktenstudium, einen sulfidabgängigen Weinkrimi dazu missbrauche, endlich runterzukommen, dann ist mir schon klar, dass das nicht das Lesen ist, wie Du es verstehst. Für Dich ist zivilisiertes Lesen eine kultivierte Form von intellektuellem Fortkommen. Davon kann bei meiner Lektüre freilich keine Rede sein.

Das vorletzte Buch, das ich gelesen habe, war völliger Schrott. Ein skandalös schlechter und bemühter Frauenkrimi, der so frisch aus dem Drucker kam, dass er noch nach Rauch roch. Während der letzten Seiten hat sich mein Fußnagel am rechten großen Zeh blau verfärbt. Mehr dazu sage ich nicht. Ich möchte Dir ausnahmslos positive Erfahrungen schildern, die Dich ermutigen, die schillernde Welt des global verwursteten Strafrechts geil oder zumindest ein ganz klein wenig cool zu finden. Zuletzt las ich „Unter dieser furchterregenden Sonne“ des Argentiniers Carlos Busqued,  das war ziemlich starker halluzinogener Stoff, nun bin ich bei Dominique Manotti, „Letzte Schicht“ (CrimeMag-Rezension hier) angelangt. Wenn Du die ersten Seiten liest, Felicitas, glaubst Du’s nicht. Du denkst, das ist doch niemals ein Krimi. Wenn Du noch nie im Leben einen Kriminalroman gelesen hast, merkst Du gar nicht, dass Du die peinliche Grenze zum Abgrund überschritten hast. Du fühlst Dich in den sicheren Fängen der Hochkultur. Ich empfehle dazu einen gepflegten Barolo mit mindestens 13 Umdrehungen.

Ich lese im Stau, auf dem Klo und an Supermarktkassen. Das geht nicht anders, wenn ich mein Pensum von fünf bis sechs Krimis pro Woche halten will. Im Büro und im Bett plagt mich das Aktenstudium, und am Wochenende gehe ich in die Oper. Hochkulturiges Lesen muss aber natürlich in inspirierender Umgebung geschehen. Dunkle Mächte, Mord, Tod und Irrsinn brauchen, wenn sie in feuilletonfähige Sphären übersetzt werden, ein Ambiente, das ich mir vom Hamburger Bahnhof versprach. Modernste Kunst versetzt mein verstaubtes Gemüt stets in einen frohlockenden Wahnsinn. Aber welche Enttäuschung. Statt zu Beuys, Kiefer und Rauschenberg wollen alle nur zu Carsten Höller und dort Tiere anschauen. Lebende Tiere! Rentiere, Kanarienvögel, Mäuse und auch noch Fliegen. Zwei Fliegen, um exakt zu sein. „Kryptomythologisches Versuchslabor“, „Möglichkeitserforschungsanlage“? Egal eigentlich. Zum Teufel mit der scheinbar schamanischen Erfahrung von „Soma“. Ist doch alles Mumpitz hier! Tiere sind final kunstfern. Das verbindet sie mit meinesgleichen. Wider Erwarten machte ich dennoch eine archaisch-sinnenschärfende Erfahrung. Ich blickte in die treuen braunen Augen eines Rentiers und erkannte darin mich! Das war ein Moment großer Erkenntnis. Ein tiefes Einverständnis verband mich mit dem Rentier, dem die überdimensionierten Fliegenpilze in seinem Rücken so wurst waren wie das ganze Brimborium. Sei mir also bitte nicht böse, ich habe mein Buch eingepackt und bin gegangen. Ich konnte nicht mehr. Aber keine Panik, ich melde mich wieder. Bis vielleicht demnächst.

Dein Andus

(heute aus Berlin-Mitte)

Carlos Busqued: Unter dieser furchterregenden Sonne. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Kunstmann Verlag 2010. 192 Seiten.17,90 Euro.

Dominique Manotti: Letzte Schicht (Lorraine connection, 2006). Deutsch von Andrea Stephani. München: Ariadne Verlag 2010. 12,90 Euro.

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